Dietrich-Moderhack-Stipendiat:innen 2026

Gabriele Bellinzona
Titel des Projektes:
Die dänisch-englisch-hallesche Mission in Tranquebar und ihre Beziehung zum Katholizismus und den anderen christlichen Konfessionen
Laufzeit des Stipendiums:
01.10.2026 - 31.12.2026
Kurzbeschreibung des Projektes:
Im heutigen indischen Bundesstaat Tamil Nadu begann die erste lutherische Mission auf dem indischen Subkontinent. Protektor der protestantischen Mission in Indien war der dänische König Friedrich IV. (1671-1730), der einen kleinen Handelsplatz in Tranquebar besaß. 1705 vertraute Friedrich IV. die Gründung der protestantischen Mission den Halleschen Pietisten um August Hermann Francke (1663-1727) an, dem Gründer der heute Franckeschen Stiftungen genannten Anstalten in Halle. Die Dänisch-Englisch-Hallesche Mission markiert nicht nur den Beginn der Lutherischen Kirche in Südindien, sondern auch den Beginn eines regen interkulturellen Austauschs zwischen Europa und Asien Die ersten Missionare, Bartholomäus Ziegenbalg (1682-1719) und Heinrich Plütschau (1676-1752), trafen 1706 in Indien ein. Durch seinen missionarischen Eifer prägte Ziegenbalg maßgeblich die Mission und war der erste Übersetzer der Bibel ins Tamil. Seit 1726 begann die Zusammenarbeit zwischen der dänisch-halleschen Mission und der englischen Society of Promoting the Christian Knowledge (SPCK) in London, als sich der deutsche Missionar Benjamin Schultze (1689-1760) in Madras niederließ. Die Hallenser Missionare hinterließen nun tiefe Spuren in Südindien. Allerdings stieß das evangelische Missionsunternehmen nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf heftige Widerstände, z. B. seitens der orthodoxen der Theologen an der Universität Wittenberg, die die Tätigkeit der Pietisten in Indien stark kritisierten.
Das Thema meines Projektes untersucht die interkonfessionelle Beziehung der lutherischen-pietistische Mission in Tranquebar und in anderen Missionsstationen zu den anderen christlichen Konfessionen, die in den 18. und 19. Jahrhunderten ebenfalls in Südindien aktiv waren, d.h. zur römisch-katholischen Kirche, zur armenischen apostolischen Kirche und zu den Thomaschristen. Bisher fanden die interkonfessionellen Beziehungen zwischen lutherischen Missionaren und anderen christlichen Denominationen und damit der Umgang mit interkonfessionellen Differenzen vergleichsweise wenig Beachtung. s waren die Vertreter der lutherischen Orthodoxie an der Universität Wittenberg. Der Großteil des Quellenmaterials über die Wahrnehmung der lutherisch pietistischen Tranquebarmission ist einerseits ausschließlich in handschriftlicher Form vorhanden, und zwar vor allem im Archiv der Franckeschen Stiftungen. Als Grundlage für die Erschließung des konfliktreichen Verhältnisses zwischen dem Missionsgedanken der Hallenser Pietisten und den Wittenberger orthodoxen Theologen nutzte ich andererseits auch die theologischen Abhandlungen zu diesem Thema, die in der Reformationsgeschichtlichen Bibliothek in Wittenberg aufbewahrt sind.

Jenny Kretschmar
Titel des Projekts:
Die Erinnerung an Otto den Großen im Autonomiestreit zwischen Altstadt und Erzbischof von Magdeburg (13.-17. Jh.)
Laufzeit des Stipendiums:
01.10.2026-31.12.2026
Kurzbeschreibung des Projektes:
Otto der Große ist sicher eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Ottostadt Magdeburg. Obwohl seine Person und die ottonische Dynastie umfassend erforscht sind, wirft seine anhaltende Präsenz im historischen Gedächtnis der Stadt weiterhin neue Fragen auf. Diesen soll folgenderweise in dem Projekt für die Zeit des 13.bis 17. Jahrhundert nachgegangen werden.
Die Erinnerung an historische Persönlichkeiten in der vormodernen Stadt schwankt oft zwischen Memoria, Stiftergedenken oder Heiligenverehrung. In den Kommunen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bezogen sich konkurrierende gesellschaftliche Akteure in ihrem Ringen um Stadtherrschaft und Deutungshoheit oft auf ein und dieselbe Stifterfigur.
Ziel des Projektes ist es diese Bezugnahmen für Otto den Großen im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Magdeburg zu finden und zu untersuchen. Ein besonderer Schwerpunkt soll dabei auf dem Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Erzbischof liegen und der Frage, wie beide Akteursgruppen die Erinnerung an Otto den Großen zur Durchsetzung ihrer jeweiligen politischen und symbolischen Interessen und Herrschaftsansprüche nutzten. Seit der Gründung eines städtischen Rates Mitte des 13. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Konflikten zwischen jenem und dem eigentlichen Stadtherrn, dem Erzbischof. Es soll daher untersucht werden, ob und wie sich die Akteure in der Stadt Magdeburg in diesen Auseinandersetzungen auf den Kaiser des 10. Jahrhunderts bezogen. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie wurde die Bezugnahme auf Otto kommuniziert? Wer hatte Zugang zu ihr? Diente sie der Aufwertung eigener Rechte, der Abgrenzung gegenüber anderen Akteuren oder der Legitimation politischer Entscheidungen?
Das Projekt soll Aufschlüsse darüber geben, wie und wofür historische Bezüge in bestimmten Situationen eingesetzt wurden. Für die Geschichte Sachsen- Anhalts und Magdeburgs stellt das Projekt heraus, wie städtische Identitätsbildung, historische Traditionsstiftung und politische Sinnstiftung im Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit an die Person Ottos gebunden sind.

Dr. Borbála Rózsa Zsindely
Titel des Projekts:
Unterschiedliche Perspektiven der ländlichen Industriegeschichte: GIS-basierte Rekonstruktion und typologische Analyse des Kleinmühlennetzwerks in Sachsen-Anhalt im 19. und 20. Jahrhundert im komparativen Kontext.
Laufzeit des Stipendiums:
01.10.2026-31.12.2026
Kurzbeschreibung des Projektes:
Das dreimonatige Forschungsvorhaben widmet sich der GIS-basierten Rekonstruktion und typologischen Analyse des ländlichen Kleinmühlennetzwerks in Sachsen-Anhalt im komparativen Kontext zur ungarischen Mikroregion Völgység. Das Projekt untersucht insgesamt 1161 dokumentierte Mühlenplätze im 19-20. Jahrhundert.
Das Jahr 1952 wird dabei als gemeinsame politische Zäsur verstanden, die divergente Transformationspfade anstieß: während in Ungarn eine radikale Verstaatlichung und physische Zerstörung erfolgte, begann in Sachsen-Anhalt mit dem LPG-System eine schrittweise sozialistische Transformation (1952–1960). Die Untersuchung prüft die Hypothese, dass in Sachsen-Anhalt primär eine administrative Verdrängung wirksam war, bei der die materielle Infrastruktur physisch länger dauerte.
Zur Sicherung der komparativen Validität erfolgt die Klassifikation der Mühlenplätze im Geoinformationssystem (GIS) anhand von vier Datenqualitätskategorien: Kategorie I (vollständige Datendichte bezüglich Lage und Chronik), Kategorie II (unvollständige Lokalisation bei bekannter Historie als Indikatoren), Kategorie III (vollständige Lokalisation bei unbekannter Historie als physische Existenz) und Kategorie IV (nicht vollständige Lokalisation und unvollständige Historie). Synchron dazu erfasst die relationale Datenbank für jeden Mühlenplatz drei Variablenkomplexe: Mühlentyp und Technologie, sozioökonomische Struktur (z. B. Besitzverhältnisse) sowie das Schicksal und die post-1945 Transformation.
Das praktische Arbeitsprogramm gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen. Die erste Phase umfasst die quellendenkritische Konsolidierung und strukturelle Harmonisierung der heterogenen Datensätze des Arbeitskreises Mühlen Sachsen-Anhalt e.V. sowie die Auswahl spezifischer Mühlenstandorte für die Feldforschung. In der zweiten Phase erfolgen die systematische GIS-Modellierung, zielgerichtete Vor-Ort-Begehungen (Feldforschung) zur Verifizierung der baulichen Infrastruktur. Die dritte Phase widmet sich der komparativen Synthese und dem strukturellen Abgleich mit dem ungarischen Referenzmodell. Aus den hierbei gewonnenen komparativen Ergebnissen möchte ich im Rahmen des Projekts einen wissenschaftlichen Artikel verfassen.

